Startseite | sidemap | Kontakt | Impressum | Haftungsausschluss | Von A-Z | Download und Links

Weihnachten mit dem Maler Rudolf Schäfer

Rudolf Schäfer, 1924

Romantische Weihnachten - Meditativer Gottesdienste in der Quecker Kirche am Zweiten Christtag, 26.12.2011, 18.30 Uhr

Zu einem „romantischen Weihnachtsgottesdienst“ laden die Kirchengemeinden der Pfarrei Queck am zweiten Weihnachtstag um 18.30 Uhr in die Kirche von Queck ein. In der Reihe „Weihnachten mit …“ soll in diesem Jahr der Maler Rudolf Schäfer helfen, neue Zugänge zur vertrauten Weihnachtsgeschichte zu eröffnen. Am 29. Oktober 2011 jährte sich nämlich zum 50. Mal der Todestag des Künstlers.

Rudolf Schäfer, der von 1878 bis 1961 lebte, hat im kirchlichen Bereich eine Vielzahl von Bildern und Buchillustrationen geschaffen. Die an die Nazarener anknüpfende Bildgestaltung hat den Werken Rudolf Schäfers große Volkstümlichkeit verschafft. In manchem Bücherschrank wird sich bei genauerem Hinsehen eine Bibel, ein Gesangbuch oder eine Bildermappe mit Bilder von Rudolf Schäfer finden.

Den ganzen Artikel mit Bildern als pdf-Datei runterladen. [434 KB]

Bibelillustrationen von Rudolf Schäfer, 1929


Schäfers Werke knüpfen an Altem an, das längst vergessen schien, denn schon im späten 18. Jahrhundert hatte das überlieferte Christusbild in der Kunst seine Kraft verloren. In der Renaissancezeit malten Künstler wie Leonardo und Michelangelo den Gläubigen Christus als den idealen, strahlend schönen Menschen vor Augen. Später öffneten Malerei und Baukunst des Barock den Menschen vorbei an kleinen, pausbäckigen Engeln den Blick in die himmlischen Spähren. Mit dem Zeitalter der Aufklärung erfolgte schließlich ein Bruch zwischen der Kunst und dem, was der Durchschnittschrist glaubte. Ein tiefer Graben entstand, dessen Ränder immer weiter auseinander drifteten. In der Philosophie wurden die Grundlagen für diese Trennung gelegt. Ludwig Feuerbach bezeichnete Gott als Illusion des Menschen. Der Mensch habe Gott erschaffen, weil er nämlich seine unerfüllten Wünsche in ein himmlisches Wesen projiziere, das es gar nicht gebe. Der Mensch solle sich auf sich selbst besinnen, solle selber Gott werden, forderte Feuerbach. Marx und Freud folgten diesem Denkansatz. Kriege und Katastrophen fanden in der Literatur ihren Niederschlag. In der Literatur sprachen Kafka, Camus und Beckett von der Absurdität und Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Die Malerei wurde von diesen Strömungen stark beeinflußt. Durch die Säkularisierung trat die Kunst aus dem Dienst der Kirche. Die Kunst wurde autonom. Nicht mehr die Kirche oder der gläubige Mäzen gaben Bilder in Auftrag, sondern der Künstler wurde sein eigener Auftraggeber. Die Künstler der verschiedenen Kunstrichtungen (Jugendstil, Realismus, Impressionismus) griffen zwar immer wieder das christliche Thema in ihren Werken auf, aber mit ihren Bildern provozierten sie. Sie schufen Bilder, die für den raschen Kunstgenuß ungeeignet waren. Altüberliefertes und Neues standen sich schroff gegenüber.

Im Stall von Bethlehem

aus: Luthers Lieder mit Bildern von Rudolf Schäfer,1931

Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestimmt der Expressionismus die Kunstszene. Das aber, was die Expressionisten (Schmidt-Rottluff u.a.) an religiös motivierten Bildern schufen, wurde von der zeitgenössischen Kirche nicht verstanden und deshalb abgelehnt. Der Begriff „Entartung“, unter dem man in der Zeit nationalsozialistischer Herrschaft die wirkliche Kunst einstufte, begegnet bereits 1911 im „Christlichen Kunstblatt für Kirche, Schule und Haus“ speziell gegen die expressionistische Kunst. Es fiel den Menschen schwer die Wahrheit über den Menschen, seine Ängste, Träume, Hoffnungen und Enttäuschungen zu ertragen. Eine große Zahl der Gläubigen zog häufig billigen Kitsch vor und erkannte nicht, daß dieser immer auch etwas Verlogenes hat. Weil viele Menschen ihr Angefochtensein nicht aushielten, flüchteten sie in ein kirchliches Ghetto und suchten dort Geborgenheit. In diesem Ghetto entstand, unbeeinflußt von den aktuellen Zeitströmungen, etwas völlig Neues: die sogenannte kirchliche Kunst. Künstler dieser Richtung hielten starr an den überlieferten Formen fest. Das Bedürfnis nach religiöser Gebrauchskunst und kleinbürgerlicher Beschaulichkeit war groß, so daß die Künstler der kirchlichen Kunst eine überwältigende Volkstümlichkeit erlangten. Wer diese Kunstrichtung einfach als „kitschig“ abtut, der wird ihr sicher nicht gerecht. Auch diese Kunst ist der Niederschlag von Erfahrungen. Hinter diesen Bildern wird die menschliche Suche nach Geborgenheit, nach dem Tragenden in der chaotischen Welt deutlich. Besonders die Gestaltung des Weihnachtsfestes, die in vielerlei Hinsicht „kitschig“ gerät, zeigt, wie tief diese Sehnsucht in den Menschen verwurzelt ist.

Verkündigung an die Hirten

aus: Luthers Lieder mit Bildern von Rudolf Schäfer,1931


Der Maler, der die kirchliche Kunst in der ersten Hälfte unseres 20. Jahrhunderts weitgehend bestimmt hat, ist Rudolf Schäfer. Er wurde am 16.9.1878 in Altona als Sohn des Pfarrers D. Theodor Schäfer (1846 - 1914) geboren. Sein Vater war seit 1872 Pfarrer und Direktor der Diakonissenanstalt für Schleswig-Holstein in Altona. Als Vertreter der Inneren Mission widmete er sich besonders der Körperbehindertenfürsorge und der weiblichen Diakonie.

Theodor Schäfer war der Sohn von Johann Peter Schäfer (1813-1902), der in Friedberg eine Blindenschule gegründet hatte. Über Vater und Gropßvater wurde Rudolf Schäfer theologisch und menschlich geprägt. Sicherlich hat die Frömmigkeit, die Johann Peter Schäfer unermüdlich tätig sein ließ, auf seine Kinder und dann auch auf die Enkelkinder Einfluß gehabt. Der Maler Rudolf Schäfer wußte das, was der Großvater tat, zu würdigen. Er hat dem „Blinden-Schäfer“ durch ein Bild in der von ihm illustrierten Bibelausgabe von 1929 ein Denkmal gesetzt. Zu dem Text aus Sprüche 28,27 setzt er ein Bild seines Großvaters. Der biblische Text lautet an dieser Stelle: „Wer dem Armen gibt, dem wird nichts mangeln.“

Johann Peter Schäfer

der "Blinden-Schäfer", Rudolfs Großvater

Rudolf Schäfers Lebensweg

Rudolf Schäfer, der Enkel des „Blinden-Schäfer“, besuchte das Gymnasium nicht bis zum Ende. Er ging nach München, um dort Malerei zu studieren. In Düsseldorf wurde Eduard v. Gebhardt (1838 - 1925) sein Lehrer. Gebhardts Kunst war stark von den Spätnazarenern beeinflußt. Die Nazarener orientierten sich an Vorbildern der altdeutschen und italienischen Renaissancekunst. Ihre Kunst war aber schlicht, blutleer und frömmelnd geworden. Schäfer unternahm Bildungsreisen nach Italien und Holland. 1911 siedelte er sich in Rothenburg an der Wümme vor den Toren Bremens an, wohin sich sein Vater in den Ruhestand begeben hatte. 1912 heiratete er Maria Lutze, eine Pfarrerstochter. Dem Ehepaar Schäfer wurden fünf Kinder, vier Mädchen, ein Junge geboren. Als „gemeiner Soldat“ diente Schäfer im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 an Ost- und Westfront.

Schäfers Bilder wurden zunächst in Bildmappen verkauft. 1904 illustrierte er das Buch „Das Leben unseres Heilandes“ von Wilhelm Thiele. Durch dieses mehrfach nachgedruckte Werk wurde eine breitere Öffentlichkeit auf den noch nicht dreißigjährigen Künstler aufmerksam. Aus Verlagen und Kirchenverwaltungen kamen Aufträge und Anfragen. Nachdem Schäfer 1910 das Gesangbuch der Evangelischen Kirche von Sachsen mit Bildschmuck versehen hatte, beauftragten auch andere Landeskirchen Schäfer mit der Illustration ihrer Gesangbücher. Die evangelischen Kirchen von Württemberg und Preußen erhielten 1929 und die evangelische Kirche von Elsaß-Lothringen 1937 mit Schäfers Illustrationen versehene Gesangbücher. 1935 illustrierte der Künstler auch das Zaulecksche Kindergottesdienstgesangbuch.

Der Maler Rudolf Schäfer erhielt in den folgenden Jahren weitere Aufträge im Rahmen der Kirche. Nachdem er bereits 1913 eine Ausgabe des Neuen Testaments und der Psalmen mit Buchschmuck versehen hatte, folgte 1923 die Herausgabe der „Rudolf Schäfer-Bibel“, zu der er 350 Bilder anfertigte. Die Bebilderung lehnt sich formal an die Grafik der Dürerzeit an, schafft aber dennoch Neues und Ungewohntes. Bilder wurden seit Luther den Bibelausgaben beigegeben worden. Als Schäfer seine Bilder zur Bibel schuf, gab es bereits solche Gesamtbibelausgaben. z.B. die von Julius Schnorr von Carolsfeld. Auch die weit verbreitete Doré-Bibel, ein barockisierendes, phantasievolles Prachtwerk mit aufwendiger Herausarbeitung des morgenländischen Lokalkolorits und voller Überschwenglichkeit, lag bereits vor. Neben diesen einheitlichen Bibelbebilderungen hatte man auch religiöse Bilder berühmter Maler von Raffael, Dürer, Rembrandt, Uhde, Gebhardt, Thoma, Steinhausen u.a.m. für den Bibelschmuck verwendet. Oft kam ein seltsames Gemisch von Stil und Geistesarten zustande. Schäfer schuf bildgeschmückte Zierbuchstaben, Titelblätter und Einzelbilder - ein einheitliches Gesamtwerk. Fünfzehn farbige Bilder des Malers zieren auch die 1934 herausgegebene Stuttgarter Jugend- und Familienbibel.

Altar von Rudolf Schäfer im Krankenhaus Bethanien,

Iserlohn, 1948

Als 1929 zum 400jährigen Jubiläum des kleinen lutherischen Katechismus vom Stiftungsverlag in Potsdam eine Schmuckausgabe herausgegeben werden sollte, wurde Schäfer beauftragt einen einheitlichen Bildschmuck zu schaffen, um „den Katechismus der Jugend von neuem lieb und wert zu machen.“ Diese Katechismusausgabe mit Bildern Schäfers wurde 1930 und 1937 übersetzt und auch in Holland und Schweden gedruckt. Acht Jahre später ließ die evangelische Kirche in Württemberg ihren Katechismus ebenfalls von Schäfer illustrieren. Schon 1906 hatte Rudolf Schäfer einen Band mit Liedern des Liederdichters Paul Gerhardt illustriert. Man beauftragte ihn 1931 mit der Bebilderung eines ähnlichen Bandes mit Liedern Martin Luthers. Neben der Arbeit als Illustrator von Büchern, Kalendern, Konfirmationscheinen, Schulbüchern und erbaulichen Verteilheften betätigte sich Rudolf Schäfer, der inzwischen Professor- und Doktortitel trug, zunehmend als Kirchenmaler. Er wollte der christlichen Gemeinde auch auf diesem Feld dienen. Allein von 1912 bis 1938 hat Schäfer in 37 Kirchen, Gemeindehäusern, Schulen und Krankenhäusern großformatige Bilder gemalt. Viele weitere Bilder folgten.

Schäfers Kunst war immer umstritten

Rudolf Schäfers Kunst war nicht eigentlich modern. Sie hat etwas altväterlich Treuherziges, dem Bedürfnis des einfachen Mannes Entgegenkommendes. Das Herzstück in Schäfers Kunst ist die Darstellung der biblischen Geschichte in Nacherzählung und Auslegung. Immer bescheiden wollte er zur Andacht motivieren. Dieses Ziel setze er durch einen kindlich naiven Stil um. Schäfer hatte die Gabe Landschaften und Personen in ansprechenden Kompositionen dem Beschauer vor Augen zu stellen. Er war im wahrsten Sinne des Wortes Illustrator. Das Lateinische „illustrare“ bedeutet so viel wie erleuchten, ins rechte Licht stellen, neues Licht auf Bekanntes werfen und etwas einleuchtend machen. Schäfer war nicht bloß Darsteller der biblischen Geschehnisse. Er war kein Historienmaler, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts biblische Texte einfach bebilderte. Er war zugleich Bibelerklärer und Ausleger. Er schuf Gemeindekunst, die selten aufregte. Kunst für den schlichten, kunstungeübten Durchschnittschristen. Seine Bilder bringen aber trotzdem den Betrachter zum Nachdenken. Schäfer malt nicht ab, sondern deutet und leitet an zum Nachdenken. Seine Bilder sind Brücken zum Verständnis des Textes. Sie unterstützen das gelesene Wort. Bei vielen biblischen Geschichten eröffnen die Bilder Schäfers neue Perspektiven. Der Betrachter sieht den biblischen Text durch die Augen des Künstlers und sieht, was er Eigenes und Wertvolles zu sagen hat. So verlegt Schäfer Bilder, die zur Weihnachtsgeschichte im Neuen Testament gehören, in das Alte Testament. Er betont damit den Gedanken von Verheißung und Erfüllung, der als theologisches Interpretament das ganze Neue Testament durchzieht.

Rudolf Schäfer war als Künstler nie unumstritten. Die Kirchenfernen lehnten ihn ab, weil seine Kunst ausgesprochen christlich war. Die Nationalsozialisten konnten mit seiner Romantik nichts anfangen. Den Expressionisten war er zu liebenswürdig, bieder und kleinbürgerlich. Dennoch hat Schäfer weite Teile der Bevölkerung erreicht und mit seinen Bildern dem religiösen Fragen und Denken wichtige Impulse gegeben.

Schäfers Wohnhaus in Rothenburg an der Wümme

Schäfer wurde mehrfach ausgezeichnet. So wurde ihm 1913 vom sächsischen König der Professorentitel verliehen, 1917 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Kiel verliehen, 1935 erhielt er die Hessische Staatsmedaille und 1958 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Am 25.10.1961 ist Rudolf Schäfer in Rothenburg an der Wümme gestorben, wo er seit 1911 gewohnt und gearbeitet hatte.

Den ganzen Artikel mit Bildern als pdf-Datei runterladen. [434 KB]